Studienabbrecher empfehlen sich für den kränkelnden Ausbildungsmarkt

Aktueller Berufsbildungsbericht: In Deutschland blieben 2014 über 37.000 Lehrstellen unbesetzt. Negativrekord! Nun soll ein Teil der Problematik über Studienabbrecher aufgefangen werden. Laut einer ersten Analyse der Studie „Fachkraft 2020“ kein schlechter Plan…

Studienabbrecher als qualifizierte Mitarbeiter gewinnen

Im ökonomischen Diskurs wird seit einiger Zeit so etwas wie die Schnittmenge zwischen 37.000 und 400.000 gesucht. Mathematischer Humbug, sicherlich, aber bleiben wir zum Einstieg mal im Bild. Die eine Zahl – 37.000 – steht für die Gesamtheit der im Jahr 2014 bundesweit unbesetzt gebliebenen Lehrstellen. Die andere – 400.000 – verdeutlicht (annäherungsweise), wie viele der aktuell 2,7 Millionen Studenten in Deutschland es wohl nicht bis zum anvisierten akademischen Abschluss schaffen. Studienabbruch.

Nun böte sich aus guter alter Tradition an, beide Problematiken getrennt voneinander zu diskutieren und anzugehen. Hier der berufspraktisch orientierte Ausbildungsmarkt, dort die theoretische Welt der Hochschulen und akademischen Grade. Getrennte Lösungen also für getrennte Sphären.

„Wir brauchen einen engeren Kontakt zwischen Studienabbrechern und Unternehmen.“

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), Anfang 2014

Doch etwa anderthalb Jahre ist es nun her, dass Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) eine Kehrtwende signalisiert hat. Sicherlich: Im dualen Studium existiert bereits ein gemeinsamer Nenner zwischen beiden Sphären. Nur machen bislang keine 4 Prozent der Studenten Gebrauch davon. Zu wenig.

Warum nicht erst studieren – und dann eine Ausbildung? Jung genug sind sie!

„Wir brauchen einen engeren Kontakt zwischen Studienabbrechern und Unternehmen“, lautete daher im Kern Wankas Botschaft – verbunden mit dem Ziel, die bestehende Grenzziehung zwischen Ausbildung und Studium programmatisch aufweichen zu wollen. Dass dieser Ansatz Sinn macht, verdeutlichen gleich mehrere Gesichtspunkte. Hier zwei davon:

1. Durchlässigkeit im Bildungssystem ist (bislang) vor allem in der Fließrichtung Schule zu Ausbildung zu Studium etabliert. So starten derzeit über 20 Prozent der Abiturienten zunächst eine Lehre, später dann ein Studium. Warum also nicht auch den anderen Weg fördern, von Schule zu Studium zu Ausbildung? Wo doch die meisten Studienabbrecher eher Anfang als Mitte 20 sind. Und somit längst nicht zu alt für eine Zielanpassung des beruflichen Werdegangs.

2. Die hierzulande seit 2008 um satte 25 Prozent gestiegene Zahl der Hochschülerinnen und Hochschüler zieht zwangsläufig zweierlei nach sich. Einerseits weniger Schüler mit primären Ambitionen in Richtung Ausbildungsmarkt. Andererseits mehr Studienabbrecher, die in Teilen – wer weiß – schon direkt nach der Schule besser ins System der dualen Berufsausbildung gepasst hätten. Man spricht hier wohl von Typsache.

Daher: Im Grunde könnte dem in Deutschland seit jeher bestens funktionierenden Ausbildungsmarkt durch den Vorstoß von Ministerin Wanka genau das zugeführt werden, was ihm leistungsgemäß allemal zustünde – das derzeit dringend benötigte Plus an Auszubildenden. Doch wie sieht es auf Seite der Studenten aus? Ist überhaupt Wille erkennbar, die ausgestreckte politische Hand zu ergreifen? Oder wird Durchlässigkeit vom Studium in Richtung Ausbildungsmarkt auch dann nicht gewollt, wenn es im Studium nicht läuft?

Studentische Unzufriedenheit und Zufriedenheit mit dem Studium

Unzufrieden Zufrieden
Studium allgemein 25,3% 74,7%
Finanzsituation 59,5% 40,5%
Praxisbezug 46,0% 54,0%
Wohnsituation 29,7% 70,3%
Rahmenbedingungen 27,3% 72,7%
Leistungsanforderungen 26,1% 73,9%
Berufliche Perspektive 23,5% 76,5%
Studieninhalte 18,0% 82,0%
Andere/private Gründe 24,0% 76,0%
© Studitemps GmbH/Maastricht University

Die Basis zur Beantwortung dieser Fragen hat Studitemps in wissenschaftlicher Kooperation mit dem Department of Labour Economics der Maastricht University bereits im März dieses Jahres gelegt. Im Rahmen der 6. bundesweiten Befragung zur Studienreihe „Fachkraft 2020“ beantworteten rund 20.000 Hochschülerinnen und Hochschüler einen Komplex zum Thema Studienabbruch. Hier die Ergebnisse dieser ersten Erhebung zu diesem Themenbereich:

Statistisches Potenzial für den Ausbildungsmarkt wäre an Hochschulen reichlich vorhanden

→ Über 25 Prozent der Studenten in Deutschland sind mit ihrem Studium nicht zufrieden. Rund 18 Prozent gaben an, „eher unzufrieden“ zu sein, gut 7,5 Prozent bezeichneten ihren Gemütszustand als „sehr unzufrieden“.

→ Die individuelle Wahrscheinlichkeit, ein begonnenes Studium nicht zum Abschluss zu bringen, liegt derzeit bei 14,2 Prozent. Etwas höher noch liegt sie bei Hochschülern (15,3 %), etwas niedriger mit 12,7 Prozent bei Hochschülerinnen. Dann noch der Vergleich zweier Studiengänge: Während die Wahrscheinlichkeit im Bachelor bei 14,6 Prozent liegt, konnten für den Masterbereich 12,1 Prozent festgehalten werden.

Individuelle Wahrscheinlichkeit, das Studium nicht (wie geplant) abzuschließen – nach Fachrichtungen

Mathematik 19,1%
Informatik 18,7%
Ingenieurwissenschaften 16,7%
Naturwissenschaften 16,0%
Sprach- und Kulturwissenschaften 15,9%
Rechtswissenschaft 15,7%
Sozial- und Geisteswissenschaften 14,4%
Wirtschaftswissenschaften 11,9%
Kunst/Musik 11,9%
Erziehungswissenschaf 11,7%
Medien- und Kommunikationswissenschaften 11,3%
Medizin/Gesundheitswesen 10,3%
Psychologie 10,3%
Sportwissenschaften 9,8%
© Studitemps GmbH/Maastricht University

Gründe für studentische Unzufriedenheit mit dem Studium

Die zwei Hauptgründe studentischer Unzufriedenheit mit dem Studium können im Umkehrschluss klar als Argumente für den Ausbildungsmarkt betrachtet werden. Da ist zum einen die finanzielle Situation, zum anderen der mangelnde Praxisbezug.

→ Mit den finanziellen Rahmenbedingungen des Studiums sind fast 60 Prozent der Studenten unzufrieden. Knapp 18 Prozent gaben an, „sehr unzufrieden“ zu sein, gut 42 Prozent „eher unzufrieden“. Ähnlich negativ verhält es sich mit dem Aspekt Praxisbezug, den derzeit 46 Prozent der Studenten als unzureichend erachten. Rund 34 Prozent begegnen dem Mangel an Praxis im Studium als „eher unzufrieden“, etwa 12 Prozent als „sehr unzufrieden“.

Über 25 Prozent der Studenten in Deutschland sind mit ihrem Studium nicht zufrieden. Die individuelle Abbruchwahrscheinlichkeit liegt bei über 14 Prozent.

→ Andere Aspekte kommen in der studentischen Bewertung weitaus besser weg. So werden beispielsweise die Studieninhalte selbst nur von etwa 18 Prozent der Hochschülerinnen und Hochschüler kritisch gesehen. Auch die berufliche Perspektive (gesamt 23,5 %), die Wohnsituation (gesamt 30 %) oder die Leistungsanforderungen des Studiums (gesamt 26 %) werden mit moderater Skepsis beäugt.

Fazit von Studitemps: Sicherlich, der Gedanke klingt erst einmal gewöhnungsbedürftig, Studienabbrecher in großer Zahl in den dualen Ausbildungsmarkt integrieren zu wollen. Dazu die Kernfrage: Kann das passen? Formal jedenfalls sind Zweifel berechtigt, denn da sind zum einen die Unternehmen selbst, die traditionell eher auf 16- bis 19-jährige Lehrlinge geeicht sind – ebenso die Berufsschulen. Wo ist da Platz für wechselwillige Twens mit akademischem Anspruch?

Und da sind andererseits die Studenten, bei denen man nicht weiß, ob sie eine Ausbildung nach dem (jähen) Abbruch der akademischen Laufbahn eher als Abstieg denn als zielführende berufliche Chance interpretieren würden. Die Auflösung solch vermeintlicher Vorbehalte kann nur im gegenseitigen Kennenlernen liegen, weshalb die politische Idee, das Modell „Studienabbruch goes Ausbildungsmarkt“ zunächst in zahlreichen Pilotprojekten zu erproben, als goldrichtig zu bezeichnen ist.

Sie haben Fragen zum Thema Studienabbruch? Oder suchen bereits wechselwillige Studenten? Dann wenden Sie sich bitte unverbindlich an uns. Gerne per E-Mail an anfrage@studitemps.de.

Doch wie könnte das Beschnuppern konkret aussehen? Zu überlegen wären beispielsweise Modelle, die es beiden Seiten – Ausbildungsbetrieb und Student – ermöglichen, das gegenseitige Interesse auf Basis zeitlich begrenzter Probephasen zu schärfen. Quasi nach Art eines bezahlten Praktikums. Passen die Eindrücke, könnte der Ausbildungsvertrag folgen. Man wäre zusammen, Problem gelöst!

Klar ist in jedem Fall, dass ein Plus an Durchlässigkeit zwischen Studium und Ausbildungsmarkt angesichts der eingangs genannten Zahlen mehr als opportun erscheint. Oder anders gesagt: 37.000 unbesetzte Lehrstellen sind deutlich zu viel, 400.000 Studienabbrüche ebenfalls. Eine Schnittmenge scheint möglich. Wir forschen weiter!