Jeder 7. Hochschulabsolvent verlässt NRW zum Berufseinstieg

Da Nordrhein-Westfalen unter jungen Akademikern deutlich mehr Fortzug als Zuzug verzeichnet, vermischen sich gleich zwei Probleme: personelle und budgetäre. (1) Einerseits gehen den hiesigen Unternehmen dringend benötigte Personalressourcen mit hohem Bildungsgrad verloren. (2) Auf der anderen Seite bildet das Land für andere Regionen aus – und verliert so de facto gute Teile seines Bildungsbudgets. Die Rechnung für 2015: 559 Millionen Euro Verlust.

Nordrhein-Westfalen ist nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland, es hat auch die (mit Abstand) meisten Studierenden zu bieten. Zur Einordnung: Gut 26 Prozent aller Hochschülerinnen und Hochschüler aus Deutschland arbeiten hier auf ihre jeweiligen Abschlüsse hin. Problem daran: Längst nicht alle Absolventen wollen NRW über den Abschluss hinaus auch beruflich verbunden bleiben. Laut Studie „Fachkraft 2020“ verzeichnet das Land 2015 unter jungen Akademikern bereits das dritte Jahr in Folge eine negative Wanderungsbilanz – alles andere als positiv für die personelle Handlungsfähigkeit der Unternehmen.

Konkret gesagt: Für NRW zeichnet sich unter frisch gebackenen Absolventen alleine 2015 eine Nettoabwanderung von 14 Prozent ab. Damit verliert das Land, so die Kernaussage, knapp jeden 7. jungen Akademiker, den es selbst ausgebildet hat. Und mehr noch – nämlich 20 Prozent – verliert es beim isolierten Blick auf die ökonomisch besonders relevanten MINT-Abschlüsse. Heißt: Hier geht (netto) jeder 5. Absolvent verloren. Bedenklich!

An der für die vorliegenden Ergebnisse maßgeblichen Erhebung haben bundesweit rund 25.000 Studierende teilgenommen. Die Studienreihe „Fachkraft 2020“ wird seit 2012 in wissenschaftlicher Kooperation zwischen Studitemps und dem Department of Labour Economics der Maastricht University durchgeführt. Die nächste Erhebung zur Studienreihe findet im März 2016 statt.

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Konkretisierung: Die Situation im MINT-Bereich

Im Bereich der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik / Ingenieurwissenschaften) verliert Nordrhein-Westfalen mit Blick auf die Daten für das Jahr 2015 gut 20 Prozent der im Land ausgebildeten Hochschulabsolventen. Ein herber Verlust, denn es sind eben jene Fachbereiche, die für die regional-wirtschaftliche Entwicklung von höchster Bedeutung sind. Kurzum: NRW, immerhin Heimat eines Drittels aller deutschen DAX-Unternehmen, wird den Verlust hochqualifizierter Akademikerinnen und Akademiker langfristig nur mit größter Mühe kompensieren können – wenn überhaupt.

Die nachfolgende Grafik verdeutlicht den Sachverhalt für alle Bundesländer in Deutschland. Dabei fällt auf, dass auch in der MINT-Frage nur die wenigsten Regionen mit Wanderungsgewinnen rechnen können, genau fünf an der Zahl (sprich: NRW ist nicht alleine). Daneben fällt auf, dass es Bundesländer mit weitaus härteren Verlusten im MINT-Bereich gibt (sprich: NRW hat nicht das größte Problem). Dennoch muss drüber gesprochen werden…

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Abwanderung von Absolventen 2015: Minus von 559 Millionen Euro für NRW

Da alle 16 Bundesländer nach Kräften in die akademische Ausbildung von Studierenden investieren, stellt sich im Falle der post-graduellen Abwanderung automatisch auch die Frage nach den finanziellen Auswirkungen. In NRW ist es so, dass das Land pro Student und Jahr etwa 5.500 Euro investiert, knapp 4 Milliarden Euro pro Jahr also. Verrechnet man dies mit dem eingangs erfassten Nettoverlust von 14 Prozent aller im Lande ausgebildeten Absolventen, resultiert für 2015 de facto ein Minus von über einer halben Milliarde Euro – 559 Millionen, um exakt zu sein. Dies ist nach Datenlage der höchste Verlust innerhalb Deutschlands, wie das nachfolgende Diagramm zeigt.

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Fazit von Studitemps: Personell und finanziell lässt NRW in der Migrationsfrage rund um junge Absolventen ordentlich Federn. Das für 2015 errechnete Minus von (netto) 14 Prozent ist für die hiesigen Unternehmen bereits schmerzhaft genug. Doch 20 Prozent weniger im MINT-Bereich gehen auch perspektivisch an die Substanz. Gegenlenken wäre angesagt! Aber wie?

Das Gute: Es gibt unternehmerische Maßnahmen, die abwanderungswillige Studierende vom Bleiben überzeugen können. So schätzen Absolventen – man will ja auch privat auf Sicht fahren – das Vorfinden ausgewiesener Familienfreundlichkeit sehr. Daneben sind das Wegfallen von Probezeiten und natürlich pauschale Lohnaufschläge zu nennen.

Hierzu ein Zahlenbeispiel aus der Studie „Fachkraft 2020“: Bei entsprechender Familienfreundlichkeit erhöht sich nicht nur die Bleibeabsicht enorm, sondern es sinkt zugleich der Gehaltsanspruch – je nach Angebot (Kita, Nachmittagsbetreuung etc.) um bis zu 600 Euro pro Monat. Ein schlagendes Argument. Und vorher? Bereits im Studium? Zu empfehlen ist die frühzeitige Unternehmensbindung von Hochschülerinnen und Hochschülern durch Jobs im Studium, die nicht nur gutes Geld, sondern auch Perspektive erkennen lassen. Abschiedsgedanken vorbeugen!