Jeder 4. Hochschulabsolvent will beruflich weg aus Sachsen

Zum Studieren prima, aber auch zum Arbeiten? Allein 2015 wollte fast jeder vierte Studierende Sachsen nach dem Abschluss verlassen, um beruflich woanders in Deutschland durchzustarten. Das ergab eine aktuelle Analyse der Studie „Fachkraft 2020“, an der 25.000 Studierende aus ganz Deutschland teilgenommen haben. Bitter auch: Sachsens Bildungshaushalt dürfte die Abwanderung im zurückliegenden Jahr mit einem Minus von gut 180 Millionen Euro belastet haben.

Sachsen ist eines von insgesamt zwölf deutschen Bundesländern, die unter Hochschulabsolventen mehr Fortzug als Zuzug zu verzeichnen haben. Konkret gaben im Freistaat allein 2015 etwa 24 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer bundesweiten Befragung zur Studienreihe „Fachkraft 2020“ an, das Land nach dem Abschluss aus beruflichen Gründen verlassen zu wollen.

Damit bestätigt sich für Sachsen ein negativer Trend, der im Rahmen der Studie bereits für die Jahre 2014 und 2013 festgestellt werden konnte. In beiden Befragungen belief sich die akademische Nettoabwanderung auf ein Minus von 23 bzw. 26 Prozent. Schlechter noch sieht es für Sachsen im Bereich der ökonomisch besonders begehrten MINT-Fächer aus. Denn unter Studierenden aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik/Ingenieurwissenschaften gab 2015 fast jeder dritte Befragte an, nach dem Abschluss abwandern zu wollen.

Die den Ergebnissen dieses Artikels zugrunde liegende Erhebung wurde im März 2015 in Kooperation zwischen Studitemps und dem Department of Labour Economics der Maastricht University durchgeführt. Bundesweit haben etwa 25.000 Studierende teilgenommen. Zeitpunkt der kommenden Befragung ist der März dieses Jahres. Die Studienreihe „Fachkraft 2020“ existiert seit September 2012.

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Wanderungsgewinne und -verluste der Bundesländer (per Saldo) am Übergang von Hochschule zu Beruf – Ergebnisdarstellung 2013 bis 2015

 Bundesland Erhebungsjahr
2015 2014 2013
Baden-Württemberg 20 % 20 % 16 %
Bayern 22% 23 % 17 %
Berlin 66 % 54 % 78 %
Brandenburg -63 % -66 % -72 %
Bremen -23 % -21 % -31 %
Hamburg 159 % 216 % 167 %
Hessen -20 % -17 % -20 %
Mecklenburg-Vorpommern -35 % -40 % -46 %
Niedersachsen -11 % -19 % -23 %
Nordrhein-Westfalen -14 % -8 % -12 %
Rheinland-Pfalz -47 % -54 % -49 %
Saarland -44 % -32 % -44 %
Sachsen -24 % -23 % -26 %
Sachsen-Anhalt -70 % -65 % -67 %
Schleswig-Holstein -19 % -27 % -23 %
Thüringen -59 % -50 % -53 %
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

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Fokus MINT-Bereich: Fast jeder 3. Absolvent will Sachsen verlassen

Gravierender noch als der allgemeine Trend zu akademischer Abwanderung dürfte für Sachsen der prozentual nochmals ausgeprägtere Verlust von MINT-Absolventen sein. Denn perspektivisch dürften es vor allem Hochschülerinnen und Hochschüler aus den Fachgebieten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sein, die auf Arbeitgeberseite dringend benötigt werden. Den vorliegenden Daten zufolge wollten im zurückliegenden Jahr 2015 per Saldo 31 Prozent der MINT-Studierenden das Bundesland nach dem Abschluss verlassen. Mit dieser Problematik steht man in Sachsen freilich nicht alleine da, denn auch anderer Regionen – gerade im Osten Deutschlands – haben hier mit Abwanderung zu kämpfen. Am meisten betroffen sind dabei Sachsen-Anhalt und Brandenburg, wo das Minus im MINT-Bereich allein 2015 bei 72 Prozent bzw. 60 Prozent gelegen haben dürfte.

Wanderungstendenzen Sachsen

Sachsen: Dickes Minus auch im Bildungshaushalt

Neben dem Verlust von Personen und akademischem Wissen spielt in der Auseinandersetzung mit Absolventen-Abwanderung ein weiterer Aspekt eine zentrale Rolle: nämlich das von Länderseite in die akademische Ausbildung von Studierenden investierte Bildungsbudget. Hierzu konnte mithilfe von Daten des Statistischen Bundesamtes für Sachsen eine Berechnung der Kosten akademischer Netto-Abwanderung durchgeführt werden. Im Detail: Pro Kopf und Jahr lässt sich das Land die Ausbildung von Hochschülerinnen und Hochschülern rund 6.600 Euro kosten. Legt man diesem Wert besagte Netto-Abwanderung von 24 Prozent zugrunde, resultierte daraus 2015 für Sachsen de facto ein Budgetverlust von 178 Millionen Euro. Das folgende Diagramm schafft diesbezüglich einen Vergleich zwischen den einzelnen Bundesländern.

Monetäre Gewinne und Verluste

Fazit von Studitemps: Trotz der für 2015 errechneten Netto-Abwanderung von 24 Prozent aller sächsischen Hochschulabsolventen steht das Land mit Blick auf den Osten Deutschland gar nicht so schlecht da. Denn Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg haben diesbezüglich mit ganz anderen Quoten zu kämpfen – allein in Sachsen-Anhalt lag das errechnete Minus 2015 bei 72 Prozent.

Dennoch: Grund zu Zufriedenheit kann es nicht geben, wenn sich per Saldo fast jeder vierte sächsische Student nach dem Abschluss auf den Weg macht, um beruflich (wie privat) in anderen Regionen Fuß zu fassen. Das zehrt zwangsläufig an der Substanz des Landes, zumal die Abwanderung im viel beachteten MINT-Bereich sogar bei über 30 Prozent liegt.

Was ist zu tun? Hat sich der Wille zur Abwanderung erst einmal manifestiert, gibt es in der Regel kein Gegensteuern mehr. So simpel ist es im Grunde. Daher sollte die Bindung junger Menschen bereits frühzeitig im Studium erfolgen, was vor allem über die Schaffung konkreter Perspektiven möglich ist – denn (fast nur) hierum geht es jungen Menschen auf dem Weg zum akademischen Abschluss.

Kurzum: Die Arbeitgeber Sachsens sind aufgerufen, noch früher und intensiver für einen Verbleib im Lande zu werben. Spannende Nebenjobs und Praktika mit Option zur späteren Übernahme sind ein Schlüssel hierzu. Gute Gehälter und unbefristete Arbeitsverträge vom Start weg ebenfalls.