Hamburg Landungsbrücken

Berufseinstieg in Norddeutschland: Hamburg, meine Perle

Akademische Berufseinsteiger aus ganz Norddeutschland zieht Hamburg geradezu magisch an. Anhaltender und zugleich massiver Zuzug von Hochschulabsolventen aus den benachbarten Bundesländern ist laut einer aktuellen Analyse zur Studienreihe „Fachkraft 2020“ die Folge – sehr schön soweit für die Hansestadt. Doch: Zahlen die Rechnung nicht genau jene „Geberländer“, deren Absolventen sich so voller Tatendrang auf den Karriereweg nach Hamburg machen?

Es ist schon eine beeindruckende Attraktivität, die da im Votum junger Akademiker zum Ausdruck kommt. Bereits das dritte Jahr in Folge ist Hamburg 2015 aus den bundesweiten Erhebungen zur Studienreihe „Fachkraft 2020“ klar als Gewinner hervorgegangen. Als Bundesland nämlich mit der (per Saldo) höchsten beruflichen Sogwirkung innerhalb Deutschlands. Und regional als DER „place to be“ für Jobeinsteiger in Norddeutschland.

Statistisch heißt das für die Hansestadt, dass der Zuzug junger Absolventen deren Abwanderung um Längen übertrifft (Saldo 2015: +159 %). Zugleich ist Hamburg ein einsamer Profiteur, weil die Zeichen in den umliegenden Bundesländern klar auf Abwanderung stehen. Kurzum: Verwenden Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen beträchtliche Teile ihrer Bildungsbudgets darauf, Hamburgs Wirtschaft über Jahre hinweg den Fachkräftenachwuchs zu sichern?

An der den Ergebnissen zugrunde liegenden Erhebung haben bundesweit rund 25.000 Studierende teilgenommen. Die Studienreihe „Fachkraft 2020“ wird seit 2012 in wissenschaftlicher Kooperation zwischen Studitemps und dem Department of Labour Economics der Maastricht University durchgeführt. Die nächste Erhebung findet im März 2016 statt.

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Wanderungsgewinne und -verluste der Bundesländer (per Saldo) am Übergang von Hochschule zu Beruf – Ergebnisdarstellung 2013 bis 2015

 Bundesland Erhebungsjahr
2015 2014 2013
Baden-Württemberg 20 % 20 % 16 %
Bayern 22 % 23 % 17 %
Berlin 66 % 54 % 78 %
Brandenburg -63 % -66 % -72 %
Bremen -23 % -21 % -31 %
Hamburg 159 % 216% 167 %
Hessen -20 % -17 % -20 %
Mecklenburg-Vorpommern -35 % -40 % -46 %
Niedersachsen -11 % -19 % -23 %
Nordrhein-Westfalen -14 % -8 % -12 %
Rheinland-Pfalz -47 % -54 % -49 %
Saarland -44 % -32 % -44 %
Sachsen -24 % -23 % -26 %
Sachsen-Anhalt -70 % -65 % -67 %
Schleswig-Holstein -19 % -27 % -23%
Thüringen -59 % -50 % -53%
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

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Die Wanderungsbilanzen der Bundesländer im Detail

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Hamburg

Bezogen auf das Untersuchungsjahr 2015 ist für Hamburg festzuhalten, dass etwa 73 Prozent der eigenen Hochschülerinnen und Hochschüler das Land nach dem Abschluss nicht verlassen wollen. Sie wollen bleiben, um vor Ort beruflich Fuß zu fassen. Lediglich 27 Prozent wollen abwandern, und sie verteilen sich wie folgt auf andere Bundesländer.

Wer bleibt, wer geht? Verbleib und Abwanderungswille unter Hamburger Absolventen 2015 (OHNE Zuzug)

Hamburg 72,9 % (Verbleib)
Berlin 7,4 % (Fortzug)
Bayern 4,4 %
Nordrhein-Westfalen 3,2 %
Schleswig-Holstein 3,2 %
Niedersachsen 2,7 %
Baden-Württemberg 2,4 %
Bremen 1,8 %
Hessen 0,7 %
Mecklenburg-Vorpommern 0,6 %
Rheinland-Pfalz 0,5 %
Thüringen 0,3 %
Fortzug in übrige Länder je <0,1 %
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Zugleich zeichnet sich für die Hansestadt ein massiver Zuzug von Hochschulabsolventen aus dem gesamten Bundesgebiet ab, der das (bescheidene) Ausmaß an Abwanderungswilligkeit bei Weitem übertrifft. So ergibt sich in der Summe aus Zu- und Fortzügen des Jahres 2015 für die Stadt ein Saldo von 159 Prozent. Es ist die mit Abstand beste Bilanz aller 16 Bundesländer.

Den vorliegenden Ergebnissen zufolge stammt ein Gutteil des Nettozuzugs aus den umliegenden Bundesländern, wo die berufliche Sogwirkung Hamburgs allem Anschein nach am stärksten ausfällt. Analog dazu stellt die nachfolgende Grafik dar, wie ungleich die Wanderungsbewegungen junger Akademiker zwischen Hamburg und den umliegenden Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen ausfallen.

Bilaterale Abwanderungsbewegungen 2015 – Hamburg im Vergleich zu Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen

Länderwechsel_Grafik_AlleHH
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

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Schleswig-Holstein 

Im Untersuchungsjahr 2015 zeichnet sich für Schleswig-Holstein unter Hochschulabsolventen ein deutlich negativer Wanderungssaldo ab (-19 %). Das heißt: Fast jeder fünfte Befragte will das Land nach dem Abschluss verlassen, um den beruflichen Einstieg an anderer Stelle anzugehen. Konkret: in einem anderen Bundesland. Bevorzugtes Ziel ist dabei Hamburg, wie der Blick auf die isolierte Bilanz aus Zu- und Abwanderung zwischen beiden Bundesländern verdeutlicht.

Bilaterale Wanderungsbewegungen 2015 – Schleswig-Holstein im Vergleich zu Hamburg

Länderwechsel_Grafik_SH_HH

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Doch wie viele Absolventen aus Schleswig-Holstein wollen 2015 eigentlich im Land bleiben? Und welche Zielrichtungen hatte, wenn, die Abwanderung auch über Hamburg hinaus? In der Bilanz zeigt sich, dass lediglich unter 50 Prozent der in Schleswig-Holstein ausgebildeten Studierenden dem Land und den hier ansässigen Unternehmen auch beruflich zur Verfügung stehen wollen. Eine geringe Bleibeabsicht, die als ein Hauptgrund für den negativen Wanderungssaldo des Landes (Summe aus Zu- und Fortzügen) anzusehen ist. Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht den Aspekt.

Wer bleibt, wer geht? Verbleib und Abwanderungswille unter Schleswig-Holsteins Absolventen 2015 (OHNE Zuzug)

Schleswig-Holstein 49,1 % (Verbleib)
Hamburg 22,9 % (Fortzug)
Niedersachsen 6,4 %
Bayern 5,2 %
Berlin 5,2 %
Nordrhein-Westfalen 3,8 %
Baden-Württemberg 2,6 %
Mecklenburg-Vorpommern 1,5 %
Rheinland-Pfalz 1,1 %
Bremen 0,8 %
Hessen 0,7 %
Sachsen 0,5 %
Brandenburg 0,4 %
Fortzug in übrige Länder <0,1 %
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

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Niedersachsen

Auch Niedersachsen hat am Übergang von Studium zu Beruf mit beträchtlicher Abwanderung zu kämpfen. Per Saldo steht für das Land 2015 ein zwar moderates Minus von 11 Prozent zu Buche. Dennoch ist es (auch) für Niedersachsen das dritte Jahr in Folge mit negativer Wanderungsbilanz, in Summe ein klarer Nachteil für die hiesige Wirtschaft.

Während 2015 gut 56 Prozent der im Land ausgebildeten Studierenden aus beruflichen wie privaten Gründen über den Abschluss hinaus bleiben wollen, präferieren die übrigen Studierenden einen dauerhaften Ortswechsel über die Landesgrenzen hinaus. Nachfolgend die Migrationsabsichten im Detail.

Wer bleibt, wer geht? Verbleib und Abwanderungswille unter Niedersachsens Absolventen 2015 (OHNE Zuzug)

Niedersachsen 55,7 % (Verbleib)
Hamburg 13,3 % (Fortzug)
Nordrhein-Westfalen 8,9 %
Berlin 5,9 %
Bayern 5,7 %
Baden-Württemberg 3,7 %
Bremen 2,6 %
Schleswig-Holstein 1,5 %
Hessen 1,2 %
Sachsen-Anhalt 0,7 %
Mecklenburg-Vorpommern 0,5 %
Rheinland-Pfalz 0,5 %
Sachsen 0,3 %
Brandenburg 0,1 %
Fortzug in übrige Länder je <0,1 %
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Und schließlich noch der Migrationsvergleich Niedersachsens mit Hamburg. Auch hier ist es so, dass prozentual deutlich mehr Absolventen den Weg in die Hansestadt suchen als umgekehrt. Dennoch fällt auf, dass das Abwanderungsverhältnis Niedersachsens mit Blickrichtung Hamburg (-13,3 %) im prozentualen Vergleich mit Schleswig-Holstein (-22,9 %) und Bremen (-20,8 %) etwas freundlicher ausfällt.

Bilaterale Wanderungsbewegungen 2015 – Niedersachsen im Vergleich zu Hamburg

Länderwechsel_Grafik_NI_HH

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

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Bremen

Bremen verliert durch beruflich bedingte Abwanderung im Jahr 2015 etwa jeden vierten seiner Absolventen an andere Bundesländer. Hauptprofiteur ist prozentual Hamburg, wohin es mehr als jeden fünften Bremer Studierenden zieht. Den gegenläufigen Weg wollen lediglich 1,8 Prozent der Hamburger Studierenden antreten – ein prozentual deutlich ausgeprägtes Ungleichgewicht.

Bilaterale Wanderungsbewegungen 2015 – Bremen im Vergleich zu Hamburg

Länderwechsel_Grafik_HB_HH
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Zudem verdeutlicht die nachfolgende Tabelle, welche Bundesländer Bremer Studierende sonst noch bevorzugen, um beruflich Fuß zu fassen. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass lediglich 41 Prozent der Bremer Studierenden im Land bleiben wollen. Hier sind Niedersachsen (55,7 %) und Schleswig-Holstein (49,1 %) deutlich im Vorteil. In Hamburg sind es sogar gut 73 Prozent der Studierenden.

Wer bleibt, wer geht? Verbleib und Abwanderungswille unter Bremer Absolventen 2015 (OHNE Zuzug)
Bremen 41,0 % (Verbleib)
Hamburg 20,8 % (Fortzug)
Niedersachsen 16,1 %
Berlin 5,8 %
Bayern 5,4 %
Baden-Württemberg 5,2 %
Nordrhein-Westfalen 4,7 %
Hessen 0,7 %
Rheinland-Pfalz 0,6%
Fortzug in übrige Länder je <0,1 %
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

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Auswirkungen akademischer Migration auf die Bildungshaushalte der Länder

Die Zu- und Abwanderung von Absolventen beinhaltet eine bedeutende finanzielle Komponente. So beziffert das Statistische Bundesamt in regelmäßigen Abständen die Budgets, die je Bundesland in die akademische Ausbildung von Hochschülerinnen und Hochschülern fließen. Im Durchschnitt sind es pro Jahr und Person etwa 6.600 Euro je Bundesland. Zum Vergleich: Das Land mit den höchsten Kosten ist Niedersachsen (8.600 €), wohingegen in Brandenburg pro Jahr und Kopf am wenigsten investiert wird (5.200 €).

Basierend auf diesen Pro-Kopf-Ausgaben entstand mithilfe der vorliegenden Daten zur Studienreihe „Fachkraft 2020“ eine budgetäre Gewinn- und Verlustrechnung für jedes einzelne Bundesland. Und hier zeigt sich: Auch in finanzieller Hinsicht profitiert Hamburg massiv vom beträchtlichen Zuzug junger Absolventen. Dagegen ergaben sich für Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen mit Blick auf 2015 Verluste im zwei- und dreistelligen Millionenbereich.

Jährliche monetäre Gewinne und Verluste je Bundesland – verursacht durch Zu- und Abwanderung von Absolventen 

DiagrammGew&Verl_Grafik

Fazit von Studitemps: Bei Hochschulabsolventen macht Hamburg in Norddeutschland klar das Rennen. Das Land verzeichnet unter jungen Menschen mit akademischem Hintergrund schon seit Jahren einen dicken Wanderungsgewinn – für Hamburgs Unternehmen eine höchst komfortable Situation. Doch Wanderungsgewinn bedingt an anderer Stelle automatisch Fortzug. Und im Falle Hamburgs geht dies vor allem zu Lasten der umliegenden Länder Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen. Was also können hier speziell die Unternehmen tun, um den Bleibewillen junger Akademiker zu erhöhen?

Neben Maßnahmen zur frühzeitigen Unternehmensbindung gerade junger Studierender (durch Jobs mit Fachbezug) spielen beim beruflichen Einstieg nach dem Studium natürlich das Gehalt oder geldwerte Vorteile eine zentrale Rolle. Abwanderungswillige Studierende aus Schleswig-Holstein beispielsweise ließen sich laut Erhebung zur Studie „Fachkraft 2020“ mit einem Lohnaufschlag von rund 400 Euro netto pro Monat (auf ein Durchschnittsgehalt) davon überzeugen, beruflich nicht in die begehrte Zielstadt Hamburg abzuwandern. Keine Frage, dies käme – pro Arbeitnehmer – einer erheblichen finanziellen Belastung für die Unternehmen gleich.

Das Gute: Es gibt auch andere Stellschrauben, die klar der Kompensation solcher Lohnforderungen dienen. So bewerten Absolventen das Vorfinden ausgewiesener Familienfreundlichkeit in einem Unternehmen als geldwerten Vorteil in Höhe von bis zu 600 Euro netto pro Monat. Und auch das Wegfallen etwaiger Probezeiten (heißt: direkt Festvertrag) kann erheblich zur Minderung des Lohnanspruchs beitragen (rund 300 Euro netto pro Monat) – bei gleichzeitiger Erhöhung der Bleibeabsicht.

Daher: Ja, Hamburg ist und bleibt DER berufliche Attraktor im Norden Deutschlands, aber es gibt für Unternehmen aus den umliegenden Ländern genügend Möglichkeiten, dem Abwanderungswillen entgegenzuwirken. Besagte Investitionen in geldwerte Vorteile und mehr Gehalt sind klar als Lösung zu benennen. Vor dem Hintergrund der Fachkräfteproblematik vieler Regionen und Branchen ein echter Gewinn!