Berlin bei Hochschulabsolventen extrem beliebt – und zwar zu Lasten Brandenburgs

Welch heikle Regionalkonstellation: Über 60 Prozent der Studierenden aus Brandenburg wollen nach dem Abschluss abwandern, um andernorts beruflich einzusteigen – für das Land alles andere als verheißungsvoll. Pikant daran ist zudem, dass es den Großteil der Absolventen „ausgerechnet“ ins nahe Berlin zieht. Zu diesem Ergebnis kommt die Studienreihe „Fachkraft 2020“ im Rahmen einer aktuellen Analyse. Es folgen Zahlen und Hintergründe.

Wenn das mal keine ungleichen Vorzeichen sind… Während sich Berlin in der perspektivisch äußerst komfortablen Situation befindet, sein Fachkräftepotenzial durch den Zuzug junger Akademiker nicht nur halten, sondern deutlich erhöhen zu können, schaut das umliegende Brandenburg diesbezüglich ganz schön in die Röhre. Denn: „Bloß weg nach dem Studium!“, heißt hier mehrheitlich die Devise angehender Absolventen.

Die Zahlen verdeutlichen die Ambivalenz: Mit Blick auf Hochschulabsolventen zeichnet sich für Berlin in den kommenden Jahren ein deutlicher Wanderungsgewinn ab. Statistisch können sich die Unternehmen der Bundeshauptstadt auf ein Plus von annähernd 70 Prozent freuen. Heißt personell (und konkret), dass der dortigen Wirtschaft neben 100 vor Ort ausgebildeten Hochschülerinnen und Hochschülern zusätzliche 66 aus anderen Bundesländern zur Verfügung stehen. Pro Abschlussjahr, wohlgemerkt.

Wanderungsbilanzen für Berlin und Brandenburg im Zeitverlauf

Jahr 2015 2014 2013
Berlin 66 % 54 % 78 %
Brandenburg -63 % -66 % -72 %

Ganz anders das Bild in Brandenburg, wo exakt 63 Prozent der Studierenden nach dem Abschluss beruflich in einem anderen Bundesland Fuß fassen wollen – und das mehrheitlich in Berlin. Zu diesem Ergebnis kommt die Studienreihe „Fachkraft 2020“, die von Brandenburg Studitemps in Kooperation mit der Maastricht University durchgeführt wird. Die vorliegende Analyse basiert auf der 6. Erhebung zur Studienreihe (September 2014), an der bundesweit etwa 25.000 Studierende teilgenommen haben.

Wanderungstendenzen der Bundesländer

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Wer kommt, wer geht? Der direkte Ländervergleich

Unabhängig vom vorangegangenen Ranking auf Bundesebene beweist auch die isolierte Migrationsbilanz zwischen Berlin und Brandenburg, wie ungleich von studentischer Seite die berufliche Attraktivität beider Länder eingestuft wird. So liebäugeln lediglich 1,5 Prozent der Studierenden aus Berlin nach dem Abschluss mit einem beruflichen Wechsel nach Brandenburg, wohingegen gut 64 Prozent den umgekehrten Weg antreten wollen. Ein nicht nur eindeutiges, sondern vor allem für brandenburgische Unternehmen höchst unerfreuliches Votum!

Isolierte Wanderungsbilanz für Berlin und Brandenburg

Länderwechsel_Grafik

© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Was also tun, um abwanderungswillige Absolventen aus Brandenburg doch noch beruflich binden zu können? Welche Stellschrauben gibt es? Auch zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen der Erhebung zur „Studienreihe Fachkraft 2020“ aufgerufen. Mit Blick auf Berlin und Brandenburg resultierte hieraus folgendes Bild:

1.) Weiche Standortfaktoren

Unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen wünschen sich junge Menschen mit Blick auf den späteren Lebensmittelpunkt zunächst ein angenehmes Wohnumfeld: Freizeitangebote, Weggehen, Verkehrsinfrastruktur und so weiter. Hier zeigt sich, dass Studierende mit Zielrichtung Berlin (erwartungsgemäß) sehr viel Wert auf kulturelle Vielfalt legen, auch abendliche Freizeitangebote wie Bars, Kneipen und Restaurants stehen überdurchschnittlich hoch im Kurs.

Und Brandenburg, speziell die Landeshauptstadt Potsdam? Studierende, die nach dem Abschluss hier leben und arbeiten wollen, setzen im Vergleich zu Berlin deutlich mehr auf den Aspekt „Soziale Infrastruktur“, was in erster Linie auf das regionale Vereinswesen abzielt. Doch auch das Kulturelle ist durchaus von Belang, lediglich 3 Prozentpunkte weniger als in Berlin.

Gewichtige Standortfaktoren (maximal 100 Punkte je Kategorie)

Kategorie Berlin Brandenburg (Potsdam) Bundesdurchschnitt
Freizeitangebote 57 39 52
Verkehrsinfrastruktur 59 61 61
Soziale Infrastruktur 35 51 43
Kultur 41 38 29
Erholung/Lebensqualität 58 61 66
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

2.) Einkommensausgleich

Verständlicherweise ist die Gehaltsfrage beim Einstieg in den Beruf von vorentscheidender Bedeutung. Und hier zeigt sich, wie tief brandenburgische Unternehmen in die Tasche greifen „dürfen“, um dem Abwanderungswillen junger Akademiker entgegenzuwirken. Den Befragten zufolge müssten es hier beim Jobstart gut 550 Euro netto mehr pro Monat sein als in Berlin – ein dickes Brett.

Wer tickt wie? Besonderheiten in der Persönlichkeitsstruktur

Untersucht wurden auch die Persönlichkeitsmerkmale von Studierenden mit und ohne Migrationswunsch. Hieraus ergab sich folgendes Bild: Wer nach dem Studium nach Berlin ziehen will, bezeichnet sich selbst als vergleichsweise offen und exakt durchschnittlich extrovertiert. Daneben liegt eine Tendenz zu unterdurchschnittlicher emotionaler Stabilität und Verträglichkeit vor.

Etwas anders ist die Persönlichkeit dort gelagert, wo das berufliche Ziel Brandenburg heißt. Denn es konnten eine stark überdurchschnittliche Verträglichkeit und eine in ähnlichem Umfang unterdurchschnittliche Offenheit festgestellt werden. Generell konnten beim Blick auf Brandenburg stärkere Abweichungen vom jeweiligen Durchschnitt ausgemacht werden, wie das nachfolgende Gesamtbild verdeutlicht.

Persönlichkeitsanalyse für Berlin Persönlichkeitsanalyse für Brandenburg
Spinnennetz-Berlin SpinnennetzBrandenburg
© Studitemps GMBH / MAASTRICHT UNIVERSITY

Fazit von Studitemps: And the winner is… Berlin! Kulturell angesagt ist die Bundeshauptstadt bekanntermaßen schon seit langer Zeit. Was – gefühlt – neu ist: Immer mehr junge Menschen zieht es nun auch wirtschaftlich hierhin, anhaltende Wanderungsgewinne bei Absolventen sind die Folge (zuletzt +66 % pro Jahr). Das Gegenteil ist in Brandenburg der Fall, wo die Zeichen nachhaltig wie klar auf Abschied stehen. So verliert das Land den vorliegenden Daten zufolge seit Jahren konstant über 60 Prozent seiner Absolventen. Bitter! Gerade auch für hiesige Arbeitgeber…

Was also tun, um die berufliche Attraktivität beider Länder ausgeglichener zu gestalten? Finanziell ließen sich brandenburgische Absolventen beim Jobeinstieg erst mit einem Plus (gegenüber Berlin) von über 500 Euro netto pro Monat ködern. Ein teurer Spaß! Und sonst? Welche Möglichkeiten bieten sich brandenburgischen Unternehmen noch? Weit vorne liegt hier beispielsweise der Festvertrag, für den Studierende im Gegenzug monatlich gerne auf 320 Euro netto verzichten. Weitere Abschläge in erheblichem Umfang resultieren aus flexiblen Arbeitszeitmodellen und ausgewiesener Familienfreundlichkeit (je nach Angebot bis zu 600 Euro netto pro Monat!!!).

Berlin hingegen liegen junge Menschen in Scharen zu Füßen – und der Trend scheint stabil, was die Daten der Studienreihe „Fachkraft 2020“ mit satten Wanderungsgewinnen im Zeitraum von 2013 bis 2015 ausweisen. Weitere positive Zahlen werden in den kommenden Jahren folgen, jede Wette. Berliner Arbeitgeber wird’s freuen! Aber auch Brandenburg hält den Schlüssel selbst in der Hand, wenngleich die Tür mächtig klemmt. Dennoch gilt: Mehr Jobattraktivität = weniger Absolventen-Abwanderung.